Der Alltag mit ADHS – unsere Realität
Wenn man an ADHS denkt, denken viele zuerst an die Schule oder den Kindergarten. Doch die größten Herausforderungen finden oft zu Hause statt – mitten im ganz normalen Familienalltag.
Ich bin Mama von Finn. Durch ihn habe ich gelernt, dass ADHS viel mehr ist als Unruhe oder Konzentrationsprobleme sind.Es begleitet uns jeden Tag – vom Aufstehen bis zum Schlafengehen.
Unser Morgen beginnt oft mit vielen Erinnerungen: Finn, bitte aufstehen. Anziehen. Zähne putzen. Frühstücken. Schultasche kontrollieren. Was bei anderen Familien scheinbar ganz nebenbei funktioniert, kostet uns häufig viel Zeit, Geduld und Kraft. Jede einzelne Aufgabe kann zur Herausforderung werden.
Auch nach der Schule und Betreuung geht es weiter
, Aufräumen, Duschen oder Schlafengehen – Dinge, die selbstverständlich wirken, können schnell zu Diskussionen oder Frust führen.
Doch ADHS betrifft nicht nur Finn. Es beeinflusst unseren gesamten Familienalltag.
Mein Partner Mathias hat zwei Söhne, Maximilian und Benjamin. Wie unter Geschwistern kommt es auch bei ihnen manchmal zu Sticheleien oder Provokationen. Manchmal reichen ein paar Worte, und Finn fühlt sich so stark getroffen oder überfordert, dass seine Gefühle regelrecht explodieren. Dann fallen Schimpfwörter, die Wut übernimmt die Kontrolle und es ist kaum noch möglich, vernünftig miteinander zu sprechen.
In solchen Momenten müssen wir als Erwachsene versuchen, ruhig zu bleiben. Das ist nicht immer leicht. Verletzende Worte treffen auch uns. Trotzdem wissen wir, dass Finn in diesen Augenblicken nicht bewusst verletzen möchte. Seine Gefühle sind einfach größer als seine Fähigkeit, sie zu kontrollieren.
Das bedeutet aber nicht, dass alles erlaubt ist. Auch Finn muss lernen, dass Worte verletzen können und dass es Grenzen gibt. Gleichzeitig versuchen wir, hinter seinem Verhalten die Ursache zu sehen – nicht nur den Ausbruch.
Ich habe gelernt, dass Kinder mit ADHS nicht absichtlich schwierig sind. Sie haben oft Schwierigkeiten mit den sogenannten exekutiven Funktionen und der Emotionsregulation. Sie wollen vieles schaffen, doch ihr Gehirn macht es ihnen deutlich schwerer. Was für andere selbstverständlich ist, kann für sie ein täglicher Kraftakt sein.
Als Familie lernen wir jeden Tag dazu. Es gibt Tage, an denen wir lachen, und Tage, an denen wir erschöpft sind. Es gibt Momente, in denen wir Fehler machen, laut werden oder nicht weiterwissen. Aber wir geben nicht auf.
Ich wünsche mir, dass mehr Menschen verstehen, dass hinter ADHS nicht mangelnde Erziehung steckt, sondern ein Kind, das oft selbst unter seinen starken Gefühlen leidet. Verständnis bedeutet nicht, alles zu entschuldigen. Verständnis bedeutet, hinzusehen, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Niemand hat den perfekten Familienalltag. Wir ganz sicher nicht. Aber wir wachsen jeden Tag ein Stück mehr zusammen. Und wenn dieser Text auch nur einer Familie das Gefühl gibt, nicht allein zu sein, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
